Intuitives Bogenschiessen im SYSTEMA-Training

Einer der Haupttrainingsbereiche des SYSTEMA ist der Waffenkampf, in dem man vorwiegend den Umgang und die Abwehr von diversen modernen und historischen Hieb-, Stich- und Schlagwaffen (wie z.B. Messer, Stock, Säbel, Kette, Peitsche) erlernt wird. Zu den historischen Waffen, die ihren Einzug in die Moderne fanden, zählen auch Pfeil und Bogen. Was verbindet denn das Bogenschießen mit dem restlichen SYSTEMA-Training? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede kann man beobachten? Was gewinnt man durch das Bogenschießtraining?

Wenn ich vom Bogenschießen als möglicher Bestandteil des SYSTEMA-Trainings spreche, dann spreche ich vom intuitiven Bogenschießen. Das Besondere dabei ist, dass man den einzigen Punkt, den man treffen will, mit beiden Augen fixiert, sich voll und ganz darauf konzentriert und den Bogen, die Sehne und den Pfeil vollkommen „ausblendet“ und „ignoriert“. Selbstverständlich stellt sich sofort die Frage, wie denn das zielgenaue Schießen zustande kommen soll, wenn man nicht „über Kimme und Korn“ zielt. Genauso, wie beispielsweise das Korbtreffen im Basketball: Die Augen richten sich nicht auf den Ball, sondern auf den Korb, und der Körper macht alles intuitiv mit tausendfach eintrainierten Bewegungen, die auf jeweilige Situationen angepasst werden (Stichwort „Muskelgedächtnis“).

Und genau hier beginnen die ersten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Bogenschießen und dem restlichen SYSTEMA-Training. Die größte Gemeinsamkeit liegt in einem Prinzip, das man wie folgt formulieren kann: Lerne nicht zu treffen, sondern zu schießen. Damit ist gemeint, dass es am Anfang nicht darauf ankommt, wie genau oder sogar ob man das Ziel trifft, sondern auf die korrekte Körperhaltung, den richtigen Bewegungsablauf, die sinnvolle Entspannung bzw. Anspannung der Muskulatur, das sichere Gleichgewicht, die passende Atmung, den ruhigen psychischen Zustand usw. Erst wenn das gelernt und verinnerlicht ist, kommt das Treffen des Ziels automatisch als Folge des richtigen Schießens. Genauso funktioniert es im restlichen SYSTEMA-Training: Der Erfolg bei der Umsetzung des Gelernten, ob Messerabwehr, Schlag oder Wurf, steigt mit der Qualität der Bewegung und des psychischen Zustands, und nicht mit dem Grad der Anstrengung im Kampf, der wachsenden Aggressivität oder der immer höheren Schlagfrequenz. Je präziser die Bewegung, je ruhiger die Psyche, desto leichter wehrt man Angriffe ab. Also kommt es auf ein solides und stetes Grundlagentraining an.

Beim intuitiven Bogenschießen fokussiert man seine gesamte Aufmerksamkeit auf das zu treffende Ziel. Genauer gesagt auf den zu treffenden Punkt. Das bedeutet, dass der Schießablauf automatisch, wenn auch kontrolliert, ausgeführt wird. Ähnlich ist es mit anderen Übungen im SYSTEMA. Bei Körperschulungsübungen versucht man sich auf die Atmung zu konzentrieren, wobei die Bewegung automatisch abläuft. Und bei Partnerübungen bzw. im Kampf sind automatisierte, aber kontrollierte Bewegungen, auf die man sich nicht mehr konzentriert, eine der Voraussetzungen für einen guten Ausgang.

An dieser Stelle möchte ich auf einen wesentlichen Unterschied zwischen dem intuitiven Bogenschießen und der Kampfanwendung des SYSTEMA bzw. den Partnerübungen deuten. Für den Kampf lernen wir, unsere Aufmerksamkeit auf keine Person bzw. keinen Gegenstand zu lenken, um den Überblick zu bewahren. Wir zerstreuen unsere Aufmerksamkeit absichtlich. Nicht so beim Bogenschießen. Wie ich bereits weiter oben beschrieb, konzentriert man sich mit aller Kraft seiner Psyche auf einen einzigen Punkt, den man treffen will. Dann lenkt die Hand den Bogen genau ins Ziel, fast ohne dass man den Bogen wahrnimmt.

Im SYSTEMA sprechen wir ständig von entspannten Schultern und Knien, geradem Rücken, optimaler Körperhaltung. All dies sind mit die wichtigsten Voraussetzungen für gutes Bogenschießen. Jede unnötige Anspannung der Schulter oder Beinmuskulatur, jede Unsauberkeit in der Körperhaltung, wie ein krummer oder schiefer Rücken, falsche Gewichtsverteilung, steife Knie, zu tief oder zu hoch gehaltener Ellenbogen kann den Schuss negativ beeinflussen. Die zwangsläufige Folge davon ist eine deutlich klarere, bewusstere Wahrnehmung des eigenen Körpers. Und der Psyche. Denn jede Emotion, jeder Gedanke, jedes Gefühl kann den besten Schießablauf zerstören. Genau damit beschäftigen wir uns stets im gesamten SYSTEMA-Training.

Ich möchte jedem SYSTEMA-Aktiven empfehlen, das intuitive Bogenschießen zumindest kennenzulernen. Ob man dabei Reiter-, Recurve- oder Langbogen schießt, ist Geschmacksache und spielt prinzipiell keine Rolle. Denn das Wichtigste ist, dass man die Prinzipien erkennt, versteht und verinnerlicht. Und so bringt uns der Bogen, genauso wie das Schwert, der Säbel, die Axt, die Lanze oder auch andere historische Waffe, ein Stück weiter im Studium der Altrussischen Kampfkunst SYSTEMA.

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