Lernen durch Unterrichten

Vielen ist es bekannt, dass man auch durchs Unterrichten lernen kann. Aber gerade in SYSTEMA gehört das Unterrichten zu den wichtigsten Lernmethoden sowohl für Ausbilder, als auch für Studenten. Das hat seine guten Gründe. Das Wichtigste im SYSTEMA erfahren wir durchs Fühlen. Selbstverständlich sehen wir unseren Trainern zu, wenn sie etwas zeigen bzw. vormachen. Wir hören ihnen auch zu, wenn sie etwas erklären. Und daraus lernen wir sehr viel. Aber die meisten Dinge im SYSTEMA werden falsch interprätiert, wenn man sie nur sieht und hört, aber nicht fühlt, denn wir interprätieren alles nur entsprechend unseren eigenen Erfahrungen. Und die eindrucksvollsten Erfahrungen, die einem für immer im (Muskel)Gedächtnis bleiben, sind die, die man unmittelbar macht. Also sollte man alles, was man im SYSTEMA macht, am eigenen Körper fühlen.

Der Mensch ist alleidings ein ganzheitliches Wesen. Er verinnerlicht etwas dann am besten, wenn er es sowohl mit seinem Körper, als auch mit dem Verstand und Gefühlen erfährt und versteht. Und so entsteht die Notwendigkeit, SYSTEMA praktisch (durchs Fühlen, Ausprobieren, Anwenden) und theoretisch (durch Gespräche, Fragen, Erklärungen) zu erlernen. Wenn man aber den Erklärungen nur zuhört, bleibt das gewonnene Wissen fremd. Also gilt auch hier das Prinzip der persönlichen und unmittelbaren Erfahrung. Sie wird am besten gesammelt, indem man das Wissen weitergibt, also unterrichtet.

Denn dann beginnt eine schöpferische Tätigkeit: Man sucht nach besten und oft neuen Wegen, Methoden, das Wissen zu vermitteln, nach Erklärungen, Formulierungen, Reihenfolgen und Übungen. Es ist kein stumpfes Wiederholen dessen, was der eigene Trainer einem zeigte und sagte (selbstverständlich, wenn man das Unterrichten ernst nimmt), sondern ein ständiges Suchen, Ausprobieren, Testen, Auf-die-Nase-fallen und letztendlich Finden. Warum ist es so? Weil jeder Mensch einzigartig in der Kombination seiner individuellen körperlichen, psychischen und geistigen Eigenschaften ist. Und natürlich hält man sich beim Unterrichten an bereits bestehende Methodik und achtet darauf, Grenzen bzw. Prinzipien des SYSTEMA einzuhalten. Aber innerhalb der Grenzen, die die Authenzität und Zuverlässigkeit gerantieren, entfaltet sich eine grenzenlose Freiheit gerade durch diese Einzigartigkeit des jeweiligen Menschen.

Das bedeutet, dass jeder, der SYSTEMA unterrichtet, immer etwas neues für sich entdeckt. Und Neues bedeudet Lernen. Ständig lernen. In jeder Trainingsstunde. Egal, ob mit Anfängern oder Fortgeschrittenen. Man lernt, indem man zeigt, erklärt, demonstriert, Fragen beantwortet, diskutiert, auf Grenzen seines Wissens und Könnens stößt, eigene Meinungen begründet usw. Man lernt jeden Tag dazu…

Heißt es, dass nur Trainer und Übungsleiter in der Lage sind, SYSTEMA wirklich zu lernen? Nein. Der einzige Unterschied zwischen einem Studenten und einem Ausbilder (der eigentlich auch ein Student ist, nur er trainiert etwas länger) ist, dass der Ausbilder dazu verpflichtet ist, SYSTEMA auch durchs Unterrichten zu lernen, sonst ist er als Ausbilder nichts wert. Der Student hat dieselben Chancen, durchs Unterrichten zu lernen, wenn er mit anderen Studenten trainiert und ihnen Übungen oder ganze Themen erklärt und demonstriert. Allerdings hat der Student die Freiheit, darauf zu verzichten und sich dieser Chance zu berauben. Das tut eigentlich jeder, der sich im Training so sehr auf sich selbst und seinen Fortschritt konzentriert, dass er seinen Trainingspartnern nicht mehr hilft, denselben Fortschritt zu machen.

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2 Kommentare

  1. Ein sehr interessanter Artikel Andreas. Ich kann dir da nur zustimmen. Ich selbst als Student, sehen viele dinge anders wenn ich meinen Trainingspartner etwas zeige oder „versuche“ 😉 zu erklären. Für mich eröffnen sich dadurch mehr Blickwinkel auf das Ganze. Durch die objektive Sichtweise kann ich mich besser mit Themen befassen und kann sie anders erfassen. Was bleibt ist das lernen durch mich und meine Trainingskollegen.

    Selbstverständlich möchte ich hier nicht das lernen durch unsere Trainer auslassen :).

    Danke für deine Gedanken.

    LG
    Sebastian aus Dresden

  2. Alex Hermann · · Antwort

    Learning for doing in seiner besten Form. Man kann auch duales Lernen sagen. Ein in der Berufswelt gängier Weg.

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